• IMO: 3423650
• Name: Lewis
• Schiffstyp: Passagierfähre

Early bird love

von Maria Zippelius

Ich hatte gar nicht mehr in Erinnerung, dass Lewis zu mir gesagt hatte, dass er mit mir zusammenziehen und ein Kind von mir wollte. 30 Jahre später beim Lesen des handgeschriebenen Liebesbriefes, den ich damals von ihm bekommen hatte, war ich so überrascht, dass ich mich kurzzeitig fragte, ob ich damals leichtfertig etwas Wesentliches „überhört“ hatte? Eine Abzweigung verpasst, um Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen? Ich erinnerte mich an jene Zeit und daran, dass ich dem Lebensfluss noch nicht vertraute. Ich war mit mir beschäftigt und traute mir nicht zu, mich um ein weiteres Leben zu kümmern bzw. die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen.

Lewis war meine langjährige Jugendliebe. Als wir uns verliebten, umkreisten wir uns wie Satelliten und beschnupperten uns aus der Ferne. Cool bleiben. Unsere erste Verabredung verlängerten wir auf der Fähre Konstanz−Meersburg. Es hatte damals nach der Sperrstunde nichts mehr offen. Hin und her fuhren wir, von Ufer zu Ufer über den See, plauderten endlos, stiegen dann aus und vagabundierten durchs nächtlich-herbstliche Meersburg. Gegen Morgen fuhren wir dann wieder zurück, kuschelten uns auf den Passagierbänken der Fähre zusammen und so wurde die Nacht und dieses kostbare Annähern in die Länge gezogen. Unser Zusammensein war später nicht einfach zu organisieren. Er hatte gleich von Anfang an bei mir zu Hause eine Art Hausverbot. Es gab noch keine Handys. Meiner Mutter passte er nicht, er gab wohl als Automechaniker zu wenig her. Lewis dagegen war zu stolz und er flattierte ihr nicht. Aus Protest ging ich ebenfalls in die „Resistance“ und mein Freund lebte sozusagen versteckt bei mir zu Hause „im Untergrund“. Manchmal schleuste ich ihn samstagabends ins elterliche Haus ein und versteckte ihn wie einen heimlichen Liebhaber in meinem Zimmer. Durch das Verbot wurden wir erfinderisch. Wir reisten ohne Wissen unserer Eltern nach Paris. Fanden andere Liebesnester. Seine Großfamilie wurde eine Ersatzfamilie für mich. Nach 7 Jahren mit Unterbrechung – er war öfters im Ausland unterwegs und wollte sogar in die Fremdenlegion eintreten – stagnierte unsere Beziehung. Wir waren zu einem eher freundschaftlichen Verhältnis übergegangen und ich schwärmte von anderen Männern. Wenig später teilte er mir mit, er habe sich in jemand anderen verliebt. Er heiratete dann auch und gründete eine Familie, trennte sich dann und wiederholte später das Ganze noch einmal.

Jahre später traf ich ihn auf der Straße. Wir unterhielten uns kurz und am Ende des Gesprächs sagte er leise – beinahe nebensächlich: „Du bist die Frau, die ich am meisten geliebt habe.“ So manches erschien in der verbotenen Heimlichkeit offensichtlich reizvoll. Wir sind – weil wir noch kein eigenes Geld verdienten, nie zusammengezogen und waren trotz allem – über Jahre hinweg fast täglich – zusammen. Bei längeren Abwesenheiten schrieben wir uns per Post. Und genau in dem Stapel alter Liebesbriefe fand ich – Jahrzehnte später – diese schöne, schlichte, ungebremste Sehnsucht nach dem anderen wieder.


Maria Zippelius, geboren 1965. Sie hat es vorgezogen, unter diesem Pseudonym zu schreiben, weil sie in diesem Raum auch Vertrauliches mitteilen konnte. So bleibt die Möglichkeit, sich auf das Geschehene zu konzentrieren.