• IMO: 061121
• Name: no
• Schiffstyp: no
• Heimathafen: Trockendock

Christa Morgenstein

Das Trockendock

Jeder größere Hafen benötigt dringend ein Trockendock. Das ist der Platz zum Reparieren von aufgeplatzten Glasfasernähten, zerschrammten Kielen und verbogenen Schiffsschrauben, zum Entfernen der fahrtmindernden Muscheln und Seepocken, für einen neuen Anstrich des Unterbootes etc. – dafür benötigt man ein Trockendock. Und so braucht auch jede Stadt, jede Kommune einen solchen Platz für ihre Bürger. Keiner geht da zum Spaß hin. Nur, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Ästhetisch wertvoll sind diese Trockendocks meistens nicht – eher zweckdienlich.

Und so ist es auch hier: Um die Wege kurzzuhalten für die Angestellten, liegt zwischen Notaufnahme / Operationssaal und der Kinderstation ein ungemütlicher Flur. Ehemals grün-türkis gestrichen, eher zugig als gut belüftet. Hier trifft sich eine zusammengewürfelte, unfreiwillige Zweckgemeinschaft. Alle müssen diesen zeitfressenden und geduldstrapazierenden Initiationsritus über sich ergehen lassen und sich einfügen. Einen halben Tag musst du schon dafür investieren…

Und dann sitzt du da zwischen Schmerbäuchen, hyperaktiven, blassen Kindern, gelblichen Leberkranken, Alt und Jung, gut
Geschminkten und Haarbodenkranken. Die einzige Abwechslung sind die Angestellten, die sichtbar gesund , meist als ungleiches Zwillingspaar mit irritierend synchronen und energischen Bewegungen über den Flur marschieren.

Die meisten der Jüngeren sind allein in ihrer Not. Die etwas Älteren kommen meist mit Ehepartner. Die einen sind sprachlos. Stumm erdulden sie nebeneinander die Prozedur. Andere sprechen demonstrativ munter, was schnell zu einem Murmeln herabgedrosselt wird − wie in endlosen Marienandachten: GegrüßetseistduMariaundgebenedeitistdieFruchtdeinesLeibes, Jesus, derdieSündender Welthinweggenommen…. So als würden die endlosen Kästchen und Kasten der Formulare erst ausfüllbar sein, wenn sie sich die Fragen gegenseitig vorgelesen haben. Mit furchtsamen Blick sichern sie sich gegenseitig die Richtigkeit ihrer Antworten zu.
Man teilt die Angst, die Sorge, was wohl wird? Manche kommunizieren wortlos. Manche sind allein in ihrer Angst auch nebeneinander: die Blicke noch erschrockener geweitet, nebeneinander oder allein vor sich hin starrend… der Angst ins Auge blickend. Doch niemandem sonst. Man möchte niemandem eingestehen, wie weit der Blick ist vor Angst. Endlose Fragen rascheln in einem wie Espenlaub:

„Hilft das alles?“
„Habe ich eine Chance, noch gut weiterzuleben?“
„Wie geht es weiter, wenn mein Körper nicht mehr kann?“
„Wie wird es ohne meinen Partner?“
„Kommen jetzt nach den vielen guten Tagen die schlechten?“
„Kann man schlechte Tage meistern?“
„ Wie lange noch?“
„Hab ich es jetzt endlich geschafft?“
„Geht das ewig noch so weiter?“
„Was wird aus meiner Katze?“

Dann hebt man wieder den Blick und sieht dieses undefinierbare Grün, den unlogischen Stoß der Tapete – eine Beleidigung für jedes Auge. Dieser Flur ist tapeziert und irgendwer hat sich diese kühle Farbe mal ausgedacht – als hübsche, aufmunternde Idee? Es funk–tioniert nicht: Dieses Grün ist null aufmunternd, die auf Abstand platzierten Stühle zu unbequem. Und dann immer wieder die Betten mit eingehüllten Menschen aus und zum OP. Jedem, der hier sitzt, ist klar: So werde ich hier auch durchgeschoben werden: schweigend, betäubt und /oder beatmet…

Dann nach endlos lang erscheinenden Stunden wirst du aufgerufen. Manche mehrmals für Labor und EKG.
Ein altes, enges Besprechungszimmer. Der Rollstuhl passt nach geschickten „Tetris“- Manövern an den Schreibtisch.
Der Arzt ist etwas derangiert: Der Kittel schmuddelig und zerknauscht, die Haare strubbelig. Wie lange hat er wohl schon Dienst? Doch er ist putzmunter. Überraschend geduldig, einfühlsam und informativ verläuft das Gespräch. Jeden noch so kleinen Räusperer versteht er als Frage, formuliert diese aus und beantwortet sie auch gerne wiederholt. Mit jedem Wort wird einem Zutrauen und Sicherheit vermittelt in die sorgsam abgewägten Wunder der modernen Medizin. Sehr tröstlich!

Dennoch: Dafür ca. 4 Stunden warten? Nein, das ist natürlich nicht der Grund. Es braucht so lange, bis alle Daten Pixel für Pixel im Krankenhaus-Moloch eingepflegt sind. Daran muss sich jeder Mensch anpassen – das dauert. Dann, wenn alles gut geht, begegnen sich auf den Fluren, in den Behandlungszimmern, auf den Stationen wieder Menschen. Die miteinander reden und die einem helfen, wieder etwas gesünder zu werden oder den Schmerz (oder das kommende Ende) leichter zu ertragen.
Ein schwieriger Ort, dringend benötigt − den trotzdem jeder, der nicht dort arbeitet, meidet, solange es nur irgendwie geht…

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